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Grundlagen der R.O.P. · Leitfaden für die Praxis

Vom Fuß zu den viszeralen Funktionen: Die fünf Brücken verstehen

Wie könnte ein Handgriff am Fuß eine Funktion im Becken oder im Bauchraum beeinflussen? Um diese Hypothese zu untersuchen, verfolgen wir das Nervensignal von der Haut bis zu den Netzwerken, die an der Steuerung der Organe beteiligt sind. Fünf „Brücken“ verdeutlichen diesen Weg: Sie stellen fünf ergänzende Argumente dar, deren Belastbarkeit und Reichweite unterschiedlich sind.

Den Verlauf im Blick behalten

  1. Haut des Fußes

    Druck verformt die Haut und kann Mechanorezeptoren aktivieren: Sensoren, die empfindlich auf mechanische Kräfte reagieren.

  2. Sensible Nerven

    Sie leiten Signale zum zentralen Nervensystem. Diese eingehenden Signale werden als afferente Signale bezeichnet.

  3. Rückenmark und Gehirn

    Ihre Netzwerke verarbeiten die erhaltenen Informationen. Sie können die an die Organe gerichteten Steuerungssignale verändern.

  4. Reaktion des Organismus

    Ein ausgehendes, also efferentes Signal kann die Aktivität von Muskeln oder inneren Organen verändern. Die Reaktion hängt vom beteiligten Schaltkreis ab.

Dieses Schema beschreibt einen möglichen Modulationsweg. Es bedeutet weder, dass jeder Druck auf die Fußsohle eine viszerale Wirkung erzeugt, noch dass ein Punkt am Fuß ein Organ unmittelbar steuert.

Drei Fragen zur Einordnung der Ergebnisse

Ist der Verlauf plausibel?
Die Anatomie zeigt Wege und Verbindungen, die mit der Hypothese vereinbar sind.
Wurde eine Reaktion gemessen?
Ein Experiment zeigt eine Veränderung bei einer genau beschriebenen Stimulation unter festgelegten Bedingungen.
Hat der Patient einen Nutzen davon?
Eine klinische Studie untersucht, ob eine für den Patienten relevante Verbesserung auf die untersuchte Technik zurückzuführen ist.

Die Beschriftungen in den Abbildungen sind derzeit auf Französisch. Der Text des Leitfadens ist auf Deutsch verfügbar.

Brücke 1 / 5

Teilweise gemeinsame Rückenmarksebenen

Können Signale vom Fuß und aus dem Becken benachbarte Regionen des Rückenmarks erreichen?

Die anatomische Orientierung

Das Rückenmark ist in Segmente gegliedert, die unter anderem mit L für lumbal und S für sakral bezeichnet werden. Der Nervus tibialis, der hinter dem Knöchel verläuft und die Fußsohle versorgt, umfasst klassischerweise Fasern aus L4 bis S3. Die parasympathischen Beckennerven und der Nervus pudendus sind S2–S4 zugeordnet. Daher ist eine mögliche Überlappung in S2–S3 gegeben.

Brücke 1: segmentale Überlappung zwischen dem Nervus tibialis und den Netzwerken im Becken.

Was die Anatomie beschreibt

Ein peripherer Nerv enthält Fasern aus mehreren Nervenwurzeln. Ein Dermatom hingegen ist ein Hautareal, das hauptsächlich einer Nervenwurzel zugeordnet ist. Diese beiden Karten sind nicht deckungsgleich: Die Sensibilität der Fußsohle wird weitgehend S1 zugeordnet, auch wenn der Nervus tibialis insgesamt Fasern aus weiteren Segmenten enthält.

Netter · Nervus tibialisFaleiros et al., 2009 · Dermatome

Was dies stützt

Diese Nachbarschaft macht die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Informationen vom Fuß und Becken-Netzwerken nachvollziehbar.

Was dabei zu beachten ist

Die Angabe „L4–S3“ in einer Abbildung sagt nicht, welche Fasern ein Druck auf einen bestimmten Bereich des Fußes tatsächlich aktiviert. Die anatomische Überlappung ist ein Ausgangspunkt, der durch funktionelle Beobachtungen ergänzt werden muss.

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Brücke 2 / 5

Plantaräste mit unterschiedlichen Wirkungen

Könnte die Wahl der stimulierten Region auch innerhalb des Versorgungsgebiets des Nervus tibialis eine Rolle spielen?

Die anatomische Orientierung

Unter dem Fuß teilt sich der Nervus tibialis unter anderem in den medialen und lateralen Plantarnerv sowie in Kalkaneusäste für die Ferse auf. „Medial“ bezeichnet hier die Seite der Großzehe, „lateral“ die Seite der Kleinzehe. Diese Äste versorgen unterschiedliche Gebiete, deren Grenzen und Anatomie variieren können.

Brücke 2: die Plantar- und Kalkaneusäste des Nervus tibialis.

Elektrische Stimulation bei der Ratte

Kovacevic und Yoo stimulierten bei anästhesierten Ratten den medialen und den lateralen Plantarnerv getrennt. Die Wirkungen auf die Blasenaktivität hingen vom Ast und von der Frequenz ab. So wurde beispielsweise bei 5 und 10 Hz für den medialen Nerv eine Hemmung beobachtet, beim lateralen bei 10 und 20 Hz; bei 50 Hz konnte der laterale Nerv dagegen eine erregende Wirkung hervorrufen. Hertz (Hz) geben die Anzahl elektrischer Impulse pro Sekunde an.

Kovacevic und Yoo, 2015

Mechanische Stimulation beim Menschen

Strzalkowski und Kollegen zeigten, dass eine Vibration der Fußsohle die Frequenz sympathischer Nervenentladungen zu den Blutgefäßen der Muskeln verringern konnte. Das sympathische Nervensystem ist an der automatischen Steuerung des Organismus beteiligt. Hier bezog sich die Messung auf eine vaskuläre Nervenaktivität, nicht auf die Harnblase. Auch eine Vibration der Hand erzeugte einen Effekt.

Strzalkowski et al., 2016

Was dies stützt

Die erste Studie zeigt, dass zwei Äste desselben Nervs unterschiedliche Reaktionen hervorrufen können. Die zweite zeigt, dass eine mechanische Beanspruchung der Haut beim Menschen eine Aktivität des autonomen Nervensystems verändern kann. Zusammen rechtfertigen sie die Untersuchung des stimulierten Gebiets und der Art seiner Stimulation.

Was dabei zu beachten ist

Diese Experimente beantworten zwei unterschiedliche Fragen. Sie bestätigen weder eine Punkt-Organ-Zuordnung noch die Wirksamkeit eines manuellen Drucks. Elektrische Frequenzen sind kein nachzuahmender Massagerhythmus.

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Brücke 3 / 5

Mehrere Nerven können Zugang zu den Netzwerken bieten

Ist der Nervus tibialis der einzige Weg, der eine Beckenfunktion beeinflussen kann?

Die anatomische Orientierung

Der Fuß wird außerdem vom Nervus suralis, den Fibularnerven und dem Nervus saphenus versorgt. Sie decken unterschiedliche Bereiche ab und haben nicht genau dieselben Ursprünge im Rückenmark. Die Fasern des Nervus saphenus stammen vor allem aus lumbalen Segmenten. Er teilt daher nicht unmittelbar die oben beschriebenen sakralen Ursprungssegmente S2–S4.

Brücke 3: somatische Zugangswege über die Sural-, Fibular- und Saphenusnerven.

Gemessene Wirkungen bei der Katze

Die elektrische Stimulation des Nervus saphenus kann den Blasenreflex verändern; die Wirkung hängt insbesondere von der Frequenz und den experimentellen Bedingungen ab. Eine weitere Studie zeigt, dass eine Stimulation des oberflächlichen Fibularnervs Blasenkontraktionen auslösen kann. Der Einfluss eines sensiblen Eingangssignals kann daher hemmend oder erregend sein.

Li et al., 2021 · Nervus saphenusYu et al., 2017 · Nervus fibularis superficialis

Was dies stützt

Mehrere periphere Bahnen können die Schaltkreise erreichen, die dieselbe Funktion steuern. Das spricht dafür, verschiedene Versorgungsgebiete am Fuß miteinander zu vergleichen.

Was dabei zu beachten ist

Die Nähe der Wurzeln reicht nicht aus, um Nerven nach ihrer Wirksamkeit zu klassifizieren. Ein für einen Nerv und ein Protokoll nachgewiesener Effekt lässt sich nicht automatisch auf andere Gebiete oder auf eine manuelle Technik übertragen.

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Brücke 4 / 5

Das Rückenmark kann unterschiedliche Informationen integrieren

Wo können sensorische Signale auf Netzwerke treffen, die mit den Organen verbunden sind?

Die anatomische Orientierung

Das Rückenmark enthält Interneurone, also Zellen, die andere Neurone miteinander verbinden. Einige erhalten oder integrieren mehrere Arten von Informationen. Von Konvergenz spricht man, wenn unterschiedliche Eingänge dasselbe Neuron oder Netzwerk erreichen. „Somatisch“ bezieht sich hier auf Haut, Muskeln und Gelenke; „viszeral“ auf die inneren Organe.

Brücke 4: Konvergenz in lumbosakralen Netzwerken.

Eine Beobachtung an sakralen Neuronen bei der Katze

Yecies und Kollegen zeichneten die Aktivität von Rückenmarksneuronen auf, die bei einer Dehnung der Blase aktiviert wurden. Die elektrische Stimulation des Nervus tibialis oder des Nervus pudendus konnte die Aktivität derselben Neurone vermindern. Somit liegt auf dieser Ebene eine funktionelle Beobachtung vor, die über eine bloße Nachbarschaft auf einer anatomischen Tafel hinausgeht.

Yecies et al., 2018

Verbindungen zwischen Beckenorganen

Bei Ratten und Mäusen zeigen anatomische Markierungsverfahren zudem, dass einige primäre sensible Neurone sowohl die Blase als auch den distalen Dickdarm innervieren. Diese gemeinsame Innervation hilft, Wechselwirkungen zwischen Organen zu verstehen, einschließlich einer erhöhten Empfindlichkeit des einen Organs, wenn das andere gereizt ist.

Christianson et al., 2007

Was dies stützt

Die neuronalen Netzwerke im Becken verfügen über Integrationsstellen, an denen periphere Eingangssignale die Verarbeitung viszeraler Informationen verändern können.

Was dabei zu beachten ist

Ein im Rückenmark aufgezeichneter Effekt kann auch von Steuerungen aus dem Gehirn abhängen. Und eine gemeinsame Verbindung impliziert nicht notwendigerweise einen günstigen Effekt: Sie kann zu einer Hemmung, Erregung oder Sensibilisierung beitragen.

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Brücke 5 / 5

Auch das Gehirn ist an der Reaktion beteiligt

Wie lässt sich ein Einfluss aus der Ferne erklären, über eine Nachbarschaft im Rückenmark hinaus?

Die anatomische Orientierung

„Supraspinal“ bedeutet oberhalb des Rückenmarks gelegen. Der Hirnstamm, zwischen Rückenmark und den höheren Hirnregionen, ist insbesondere an der Kontrolle der Miktion und automatischer Funktionen beteiligt. Informationen steigen dorthin auf; Steuerbefehle steigen von dort ab. Das autonome Nervensystem umfasst unter anderem sympathische und parasympathische Bahnen.

Brücke 5: supraspinale Integration und absteigende Steuerungssignale.

Bei Tieren untersuchte Umschaltstationen

Bei der Katze zeigt ein Experiment mit tibialer Stimulation die Beteiligung opioider Mechanismen des Hirnstamms an der Hemmung des Blasenreflexes in einem Modell der Blasenreizung. Bei der Ratte veränderte eine elektrische Akupunkturstimulation der Hinterpfote die Motilität des Duodenums; der Effekt hing unter anderem vom Vagusnerv ab, einer großen parasympathischen Bahn zu den Eingeweiden.

Ferroni et al., 2015 · BlaseNoguchi et al., 2003 · Duodenum

Was dies stützt

Eine periphere Stimulation kann zentrale Umschaltstationen einbeziehen und eine entfernte Funktion beeinflussen. Diese Umschaltstationen können auch an Wirkungen im Becken beteiligt sein.

Was dabei zu beachten ist

Der Weg über das Gehirn bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein diffuser Effekt auf alle Organe entsteht: Die Schaltkreise können selektiv bleiben. Ihre Beteiligung muss für die untersuchte Stimulation und Funktion nachgewiesen werden; sie belegt für sich allein keine Wirkung der R.O.P. auf ein bestimmtes Organ.

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Und die Bahnen zum Kopf?

Der vollständige Artikel untersucht eine sechste Brücke: die vom Hirnstamm ausgehenden kranialen Nervenbahnen. Sie erweitert die fünfte Brücke um Hypothesen, die für jede Funktion einzeln geprüft werden müssen.

Das Beispiel der Pupille

Bei der anästhesierten Ratte führte eine elektrische Stimulation der Hinterpfote zu einer Pupillenerweiterung, die mit einer Verminderung der parasympathischen Steuerung vereinbar war, welche die Pupille normalerweise verengt. Eine Erweiterung bedeutet daher nicht notwendigerweise eine sympathische Aktivierung.

Ohsawa et al., 1997

Dieses Experiment belegt keine Wirkung manueller Techniken auf Drüsen, den Rachen oder den Kehlkopf. Dass die beteiligten Bahnen eine gemeinsame Hirnstammregion nutzen, reicht nicht aus, um eine Interaktion zu beweisen. Auch die parasympathische Steuerung von Drüsen und die motorische Steuerung quergestreifter Muskeln müssen unterschieden werden.

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Was sich daraus für die Praxis mitnehmen lässt

Diese Brücken bilden ein Bündel von Argumenten, um den Einfluss sensorischer Eingänge vom Fuß auf viszerale Funktionen zu untersuchen. Die Blase ist in den hier vorgestellten Arbeiten ein besonders gut dokumentierter Ausgangspunkt: periphere Äste, sakrale Neurone, zerebrale Umschaltstationen und klinische Studien zur Neuromodulation.

Ein klinischer Anhaltspunkt

In der randomisierten SUmiT-Studie erhielten 220 Erwachsene mit überaktiver Blase eine perkutane Stimulation des Nervus tibialis oder eine Scheinbehandlung. Die Ergebnisse nach 12 Wochen fielen zugunsten der untersuchten Technik aus. Es handelte sich um eine elektrische Stimulation mittels einer Nadel nahe dem Knöchel; diese Studie untersuchte nicht die manuelle R.O.P.

Peters et al., 2010 · SUmiT

Die klinische Erfahrung kann helfen, die durchzuführenden Vergleiche auszuwählen. Um die Praxis zu untermauern, besteht der nächste Schritt darin, das Gebiet und den Handgriff zu beschreiben, eine messbare Funktion auszuwählen und die Ergebnisse unter Bedingungen zu vergleichen, die es erlauben, den Effekt der Stimulation zuzuschreiben.